Wir Deutschen verstehen immer alle zu Tode
Weshalb Bernd Eichinger noch nie auf einer Demo war und wieso bei der RAF alle geraucht haben (Interview, Playboy Oktober 2008)
Playboy: Herr Eichinger, in Ihrem neuen Film wird ständig gequalmt. Gab es in der RAF keinen einzigen Nichtraucher?
Eichinger: Damals hat jeder geraucht, alle. Ich kenne überhaupt niemanden, der damals nicht geraucht hat. Wer 17, 18 war, hat geraucht – sonst war man gar nicht erwachsen. Es war ja auch gar nicht bekannt, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist.
Playboy: Im Film wird auch die Urszene der RAF gezeigt, die Befreiung Andreas Baaders aus der Haft. Da sitzen zwei RAF-Frauen im Studentenlook im Warteraum, drücken ordentlich ihre Zigarette im Aschenbecher aus – und legen dann los mit ihren Knarren …
Eichinger: Na ja, wenn die geraucht haben – was man ja damals dauernd tat –, dann werden die schon vorher die Zigarette ausgemacht haben. Man muss ja die Hand frei haben für die Knarre. Oder wäre es Ihnen lieber gewesen, sie hätten die Kippen auf den Boden geschmissen und mit den Füßen ausgemacht?
Playboy: Es wirkt überraschend gut erzogen. Nach dem Motto: „Wenn ein deutscher Revolutionär den Bahnhof stürmen will, kauft er erst mal eine Bahnsteigkarte.”
Eichinger: Das war noch mal von …
Playboy: Lenin.
Eichinger: Wie gesagt, selbst die Richter in Stammheim hatten damals Aschenbecher im Gerichtssaal stehen.
Playboy: Sie selbst rauchen nicht mehr?
Eichinger: Früher oder später muss man damit aufhören. Ich ernähre mich auch sehr gesund. Solche Dinge ergeben sich von allein, wenn man älter wird.
Playboy: Sie sind Jahrgang 1949. Sie kommen aus einer Arztfamilie, Mittelschicht. Sie waren auf einem sehr strengen katholischen Stiftsinternat, kurzum: Sie hätten eigentlich alle biografischen Zutaten gehabt, um einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie die RAF-Terroristen …
Eichinger: Nein, überhaupt nicht! Ich habe sehr früh gelernt, mit Autoritäten umzugehen. Es ist sinnlos, in einem Internat einen Aufstand zu machen. Das endet nur damit, dass man ein paar blaue Augen bekommt.
Playboy: Haben Sie nie, auch nicht in der Rückschau, gedacht: „Glück gehabt, dass ich nicht so geworden bin wie die.”?
Eichinger: Nein, überhaupt keine Chance. Ich konnte im Staat nicht diesen Feind sehen, den viele in ihm sehen wollten. Ich bin ja in einem für eine junge Demokratie sehr gut funktionierenden Staat groß geworden. Manche Dinge nahm man da halt einfach hin, so nach dem Motto: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.” Als ich dann mein Abi hatte, wusste ich: „So, ab heute redet mir kein Mensch mehr in irgendwas rein.” Aber deshalb musste ich keine Revolution machen, da bin ich viel zu sehr Individualist.
Playboy: Anfang der siebziger Jahre waren Sie Student an der Münchner Filmhochschule. Die Studentenrevolte, der Beginn der RAF – wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Eichinger: Man hat in Wohngemeinschaften gelebt, man hat diese ganzen Radikalisierungsprozesse am eigenen Leib erfahren. Man hat diskutiert: Wie radikal muss man sein, darf man sein? Wie ist das mit Gewalt gegen Sachen, Gewalt gegen Menschen?
Playboy: Was war Ihre Position?
Eichinger: Also, ich mochte die Studentenbewegung, ich fand das sehr animierend: neue Musik zu hören, ganz andere Kleidung zu tragen als die Eltern, einen vollkommen anderen Lebensstil zu leben. Man kann sich das ja heute gar nicht mehr vorstellen: Meine Tochter, die muss das alles gar nicht! Die hört dieselbe Musik wie ich, die trägt im Prinzip dieselbe Kleidung – oder dieselbe wie meine Frau, die lebt mit denselben Möbeln.
Playboy: Ihr Film beginnt mit brutalen Bildern vom Schah-Besuch 1967: Persische Geheimdienstler gehen mit langen Latten auf Demonstranten los, die Polizei verschränkt erst die Arme und prügelt dann mit. Die Wut, die einen bei diesen Bildern überkommt, empfanden Sie die damals auch?
Eichinger: Ja durchaus. Trotzdem war klar, dass es immer eine Frage von Provokation und Gegenprovokation ist. Die Studenten hatten ein ausgeklügeltes System, um die Polizisten zu provozieren, da darf man sich nichts vormachen – das gilt jetzt übrigens nicht für den Schah-Besuch, in diesem Fall verfiel die Polizei in einen regelrechten Blutrausch. Aber man war auf Randale aus. Auch die Polizei war auf Randale aus.
Playboy: Sind Sie auf Demos gegangen?
Eichinger: Nein.
Playboy: Immer brav zur Hochschule und das Studium vorangetrieben?
Eichinger: Was heißt da „brav”? Film, das war mein Leben! Aber auf Demonstrationen bin ich nicht gegangen, weil ich davon nichts halte. Das Absingen von Liedern mit erhobenen oder nicht erhobenen Fäusten hat mich immer schon abgestoßen. Vollkommen egal, was dabei gesungen wird, die „Internationale” oder „Alte Kameraden” – das ist letztendlich alles dasselbe, weil es militant ist. Und so etwas macht mir Angst.
Playboy: Die Gewaltfrage …
Eichinger: … war für mich nie eine Frage: Gewalt ist nie ein Mittel, etwas zu erreichen – es sei denn, die Umstände sind so, dass ich nicht mehr leben kann. Dann würde ich mich auch in Selbstnotwehr verteidigen. Aber ansonsten würde ich nie mit einer Waffe ein Ziel durchsetzen wollen.
Playboy: Mit der RAF konnten Sie also von Anfang an nichts anfangen?
Eichinger: Man wusste ja nicht, was die vorhaben. Banküberfälle und so – am Anfang empfand man das noch als abenteuerlich.
Playboy: Also doch etwas Faszination?
Eichinger: Nein, das ist viel zu viel! Am Anfang konnte man noch nicht sagen: „Ich bin dafür oder dagegen.” Als man merkte, dass die Bomben legen und nicht nur in Kauf nehmen, dass Menschen sterben, sondern vorsätzlich töten: Spätestens da war ich raus.
Playboy: Es gab ja damals diese Frage: „Wenn einer der Terroristen vor deiner Tür steht, machst du ihm auf?”
Eichinger: Ich habe immer gesagt: „Ich lasse jeden rein. Aber wenn er eine Knarre hat: raus!” In unsere WG wäre man nur über meine Leiche mit Knarre reingekommen.
Playboy: Und stand mal einer vor der Tür?
Eichinger: Ich will mich da gar nicht näher äußern. Aber das waren auch andere Zeiten. Man ging abends weg, und wenn einer fragte: „Kann ich bei euch pennen?”, dann hat man ihn mitgenommen, wenn er nicht vollkommen unsympathisch war. Am nächsten Morgen ging man ins Bad, da lagen Menschen im Flur rum – man ist zur Arbeit gegangen, und die haben weitergeschlafen. Ich weiß gar nicht, wer da jeweils übernachtet hat.
Playboy: Andreas Baader war damals viel in München unterwegs. Kannten Sie ihn?
Eichinger: Nein.
Playboy: Diesen Film-Baader, gespielt von Moritz Bleibtreu – wir konnten nicht anders, als ihn auch ein bisschen zu mögen. Soll man das?
Eichinger: Er hatte Charisma, keine Frage, sonst hätte er auch nicht so viele mitziehen können. Die Vorstellung, dass das nur ein Langweiler war oder irgend so ein Spinner, wäre total falsch. Das gilt nicht nur für ihn: Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und er waren ja, zumindest am Anfang, so eine Art Popstars. Es war genau diese Dreierkombination, die so explosiv war. Alleine für sich hätte wahrscheinlich keiner von ihnen „Karriere” gemacht.
Playboy: In dem Film werden coole Lederjacken und Sonnenbrillen getragen, man fährt schnelle Autos, lebt und liebt freizügig. Muss man diesen Glamour zeigen, um den Mythos RAF verstehen zu können?
Eichinger: Das ist kein Glamour, „Glamour” ist ein neues Wort. Aber wir müssen von Faszination reden. Schließlich waren die Intellektuellen und alle möglichen Leute charismatisiert von diesen Menschen. Das ist ein Teil der Wahrheit, und die muss der Film zeigen, sonst taugt er nichts.
Playboy: Was wollen Sie mit dem Film erreichen? Welche Aufgabe hat er?
Eichinger: Kein Film hat irgendeine Aufgabe. Das klingt jetzt rotzig, aber das ist so. Ungefähr so, wie wenn man in die Pinakothek geht und sich einen Rubens anschaut und fragt: „Was hat dieser Rubens für eine Aufgabe?” Das kann ich Ihnen nicht sagen.
Playboy: Ihr Film endet mit der Erschießung von Hanns Martin Schleyer 1977. Der weitere Verlauf der RAF-Geschichte kommt nicht vor. War das für Sie nie ein Thema?
Eichinger: Doch. Ich dachte ursprünglich, dass da ein Epilog dranmuss, habe es 15-mal probiert – aber es ist nie etwas dabei rausgekommen. Das klingt jetzt etwas versponnen, aber: Es hat sich einfach nicht geschrieben.
Playboy: Geht es Ihnen auch darum, dass junge Menschen den Weg der RAFler ein wenig nachempfinden können?
Eichinger: Nein. Keiner kann nachempfinden, dass einer eine Knarre nimmt und einfach jemand anderen umlegt, weil er Weltrevolution im Sinn hat. Das wird man nie nachvollziehen können, Sie verlangen da zu viel. Ich bin ja kein Lehrer, der dem Publikum sagt: „Ich weiß etwas, was ihr nicht wisst.” Ich weiß gar nichts.
Playboy: Aber Sie wollen doch nicht nur unterhalten. Sie wollen doch nicht, dass die Leute zwei Stunden im Kino sitzen, Popcorn essen und sich amüsieren, oder?
Eichinger: Nein, aber wenn ich eine Antwort hätte, dann wäre es ja einfach. Dann würde es heißen: „Der Baader Meinhof Simplex” und nicht „Der Baader Meinhof Komplex”. Ich kann in einem Film das alles noch mal auferstehen lassen, so gut ich das kann, und das ins Verhältnis setzen zu der Zeit und die wiederum ins Verhältnis setzen zu den Leuten, die in dieser Zeit gelebt haben. Vielleicht wird dadurch eine Schicht Staub, die drauflag auf dieser Zeit, ein bisschen weggepustet. Das wäre schon etwas.
Interview: Mareike Ludwig / Christian Thiele
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