Dann singe ich lieber über ein Gänseblümchen

Geschrieben von thiele am 24.01.2009

Warum Heino eigentlich längst das Bundesverdienstkreuz verdient hätte, wie Heino riecht und warum Heino für Heino keine gute Musik zum Sex ist (Playboy, Januar 2009).

Playboy: Wie reden wir Sie eigentlich protokollarisch korrekt an? „Herr Kramm“, „Herr Heino“ oder einfach nur „Heino“?

Heino: Wie Sie wollen. Aber auf „Herr Kramm“ höre ich gar nicht. Und „Herr Heino“ ist blöd. Bleiben wir bei „Heino“. Das bin ich auch gewohnt.

Playboy: Nennt Sie irgendjemand noch Heinz-Georg, also bei ihrem richtigen Vornamen?

Heino: Nein. Immer nur Heino. Meine Schwester konnte Heinz-Georg nicht sagen. Und nun heiße ich so, seitdem ich ein junger Spund war.

Playboy: Wenn die Polizei Sie anhält auf der Straße, sagen die dann auch „Heino“?

Heino: Das geht so: „Führerschein, Fahrzeugschein . . . So,
Herr Kramm, wollen wir mal sehen.“ Dann gucken sie
ins Fenster und sagen: „Ach, Heino! Ist schon in Ord-
nung.“ Hat manchmal schon Vorteile, Heino zu sein.

Playboy: Ist das schön, als 70-Jähriger noch mit einem Kosenamen durch die Welt zu gehen?

Heino: Heino ist doch ein ordentlicher Name! Nein, ich war nie einer, der förmlich angesprochen werden wollte, Heino ist ein Mann des Volkes.

Playboy: Heino, was ist ein Volkslied?

Heino: Ein Volkslied ist ein Lied, das über Jahrhunderte gewachsen ist, das das Volk mitsingt und kennt. So wie „Ännchen von Tharau“ oder „Am Brunnen vor dem Tore“. Vielleicht werden aus den Beatles-Songs auch mal Volkslieder. Und aus dem „Enzian“. Der ist noch jung, den habe ich ja erst vor
30 Jahren geschrieben.

Playboy: Welches Lied haben Sie in Ihrer Karriere am häufigsten gesungen?

Heino: Das war schon der „Enzian“. Es gab Jahre, da habe ich an 364 von 365 Tagen gesungen – und jedes Mal war der „Enzian“ dabei. Wenn man das auf all die Jahre hochrechnet, ist das schon eine Summe.

Playboy: Klingt er jedes Mal anders, der „Enzian“?

Heino: Nein, der klingt schon gleich. Klar, die Stimme sackt im Alter. Aber so, wie sie jetzt ist, wird sie bleiben, die wird sich nicht mehr ändern. Außer ich übe nicht mehr.

Playboy: Sie üben?

Heino: Jeden Tag, klar!

Playboy: Wie müssen wir uns das vorstellen, so „lalala“?

Heino: Stimmübungen mit Gitarre eben. Ich kann nicht einfach sagen: „So, jetzt singe ich mal nicht!“ Der eine fährt Fahrrad, der andere macht 100-Meter-Läufe, und der Sänger sollte jeden Tag eine Stunde Tonübungen machen.

Playboy: Gibt es in der Volksmusik Groupies, kreischende Damen, die sich die Kleider vom Leib reißen?

Heino: Im Publikum sind viele junge Leute. Die kreischen aber nicht, die haben ein anderes Benehmen.

Playboy: Gibt es ein Lieblingsgroupie?

Heino: Ich habe einen Fan, die ist 40. Die wohnt in Münster, verheiratet, aber sie ist Heino-Fan, seitdem
es Heino gibt. Sie zieht jetzt nach Bad Münstereifel, um meine Nähe zu haben.

Playboy: Freuen Sie sich darauf?

Heino: Ja, die ist sehr nett. Ich brauche nur anzurufen, wenn es irgendwas gibt, und man trifft sich. Und dann gibt
es noch einen Fan am Niederrhein, die Gabi, seit dem fünften Lebensjahr Heino-Fan. Die ist 39 oder 40.

Playboy: Ganz schön junge Dinger, machen die Ihnen keine Angst?

Heino: Nein, ganz im Gegenteil!

Playboy: Macht es Hannelore Angst?

Heino: Überhaupt nicht. Wir sind sehr gut verheiratet, da kriegt man keine Angst mehr.

Playboy: Deutsche Ehen halten im Schnitt zwölf Jahre. Sie sind seit 30 Jahren mit
Hannelore verheiratet. Wie schafft man das?

Heino: Wir haben uns kein Schema gemacht, von wegen: „Wir sehen uns nur morgens
oder nur nachts oder müssen dreimal in
der Woche getrennt sein.“ So einen Scheiß gibt es bei mir nicht.

Playboy: Was ist für Sie das Schönste an
Hannelore?

Heino: Hannelore!

Playboy: Geht’s etwas präziser?

Heino: Sie ist für ihr Alter eine sehr attraktive Frau, sehr intelligent. Und sie nimmt mir fast alle Dinge ab, die zum Leben eines Interpreten gehören. Wir haben ein Portemonnaie, ich kann mich auf sie verlassen. So sind wir seit 30 Jahren glücklich und fahren durch die Lande.

Playboy: Welche Augenfarbe hat Hannelore?

Heino: Da fragen Sie mich jetzt was . . . Braun, ich tue mich nur wegen meiner Brille manchmal schwer mit den Farben.

Hannelore (aus dem Hintergrund): Grau-blau!

Playboy: Schuhgröße?

Heino: 36.

Hannelore (aus dem Hintergrund): 38,5! So klein bin ich doch gar nicht!

Playboy: Womit kann Hannelore Sie zur Weißglut bringen?

Heino: Sie mich überhaupt nicht. Aber ich kann sie zur Weißglut bringen.

Playboy: Nämlich?

Heino: Hannelore braust schnell auf. Und je mehr sie aufgebraust ist, desto ruhiger werde ich. Wenn wir mal nach Florida fahren, dann müssen eben sieben, acht Koffer gepackt werden. Meine Ruhe dabei macht sie wahnsinnig.

Playboy: Hat Hannelore einen Spitznamen für Sie?

Heino: Die sagt schon mal „Liebelinchen“.

Playboy: Was sagen Sie?

Heino: Ich sage nur „Hannelore“.

Hannelore (aus dem Hintergrund): Oder auch mal „Liebi“ . . .

Playboy: Welche Musik hört Heino zum Sex?

Heino: Da habe ich mir noch nie Gedanken drum gemacht. In meinem Alter mache ich mir eh nicht viel Gedanken um Sex.

Playboy: Wäre Heino eine gute Musik?

Heino: Nein, meine Musik ist ja eher aussagekräftig. Wenn ich jetzt so gefragt werde: Da darf kein Text dabei sein, das muss so eine Sphärenmusik sein. Ich will ja nicht textlich abgelenkt werden beim Sex.

Playboy: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückschauen: Wann war Ihre größte Zeit?

Heino: Meine größte Zeit war von 1965 bis 2008! Man kann nicht sagen, dass ich mal weg war oder mal Höhepunkte hatte. Ich war immer da, ich war nie weg.

Playboy: Was war Ihr tollster Auftritt?

Heino: Das war im März 1990, in Dresden, mein erster großer Auftritt nach der Wende. Das größte Erlebnis überhaupt, das ich je mitgemacht habe!

Playboy: Was war so besonders?

Heino: Als ich abends auf die Bühne kam, waren da 150.000 Menschen. Alles mitgesungen, nur lachende Augen. Frauen, die weinten, Männer, die heulten, alle haben sich gedrückt und „Heino, Heino, Heino“ gerufen. Nach meinem Auftritt ging ich kurz in die Garderobe, ich war ja klitschnass geschwitzt. Zehn Minuten später kam ich raus – keiner mehr da. Waren die alle wieder weg, ganz geräuschlos. Und denken Sie, da wäre eine Dose oder ein Stück Papier auf der Erde gelegen? Nichts! Alles sauber!

Playboy: Das also war Ihr sauberster Auftritt. Und der schlimmste?

Heino: Ich kam bei einer Veranstaltung an, großes Zelt, und fing an, meine Anlage aufzubauen. Damals machte ich das noch selber. Da kommt der Veranstalter und sagt: „Was machen Sie denn hier? Heute kommen
Cindy und Bert. Sie sind erst im nächsten Jahr dran.“ War ich ein Jahr zu früh.

Playboy: Ihr schlimmster Nicht-Auftritt sozusagen. Wenn Sie auf der Bühne sind, stehen Sie steif wie ein Zinnsoldat. Choreografie, Tanzunterricht nehmen, hat Sie das nie interessiert?

Heino: Nein, ich bin kein Typ zum Tanzen. Ich wollte nur schön singen, ganz ohne
Mätzchen.

Playboy: Wie die deutsche Eiche auf der Bühne . . .

Heino: . . . wie die deutsche Eiche! Frank
Sinatra ist auch gekommen, hat seine Lie-
der gesungen, alle waren begeistert – und fertig! Und so mache ich das eben auch.

Playboy: Bei Ihnen ruft immer der Kuckuck, plätschert der Bach, und die Magd hat rote Bäckchen. Kann Heino nur heile Welt?

Heino: Ja, meine Musik ist ein Stück heile Welt. Ich könnte ja auch, wie andere, von der kaputten Welt singen, was Rock und Pop ja zu 90 Prozent machen. Aber ich will mein Geld nicht verdienen mit einer kaputten Welt.

Playboy: Die Welt ist kaputt?

Heino: Sie müssen die Zeitung doch nur aufschlagen: Banken und geldgierige Manager, Macht und Gier. Darüber könnte ich jetzt ein Lied schreiben. Da wäre ich in den Charts. Aber das sollen andere ma-
chen. Dann singe ich lieber über ein
Gänseblümchen.

Playboy: Mit rund 50 Millionen verkauften Singles, Platten, CDs oder Kassetten – muss Heino eigentlich noch arbeiten?

Heino: Mir macht Arbeiten Spaß. Aber natürlich muss ich nicht unbedingt arbeiten. Ich habe allerdings immer, von meiner Lehrzeit in der Bäckerei an, Rente bezahlt. Jetzt kriege ich Rente.

Playboy: Wie viel?

Heino: Monatlich 1546 Euro, schon seit fünf Jahren. Und die liegen auf meinem Konto, für Notfälle.

Hannelore (aus dem Hintergrund): Da komme nicht mal ich dran!

Playboy: Wie viel haben Sie mit dem Singen verdient?

Heino: Ich muss nicht Hunger leiden. Ich habe keine Schulden. Aber ich habe auch immer meine Steuern bezahlt, bin nie ins Ausland gegangen. Ein deutscher Volkssänger, der Volkslieder singt, hat in Deutschland zu versteuern!

Playboy: Stimmt es, dass Sie dreieinhalb Millionen Euro im Jahr machen?

Heino: Schön wär’s.

Playboy: Ist es mehr?

Heino: Wesentlich weniger.

Playboy: Die Hälfte?

Heino: Ach, haben Sie doch Verständnis dafür, dass ich über Geld nicht reden kann.

Playboy: Sie sind jetzt 70 und ziehen um ins Seniorenheim . . .

Heino: . . . nein, das ist kein Seniorenheim! Das ist nur im Kurhaus, da ist ein Stockwerk seniorengerecht für uns umgebaut worden, mit breiteren Türen, Aufzug, alles ebenerdig und so. Im Grunde genommen, machen wir das für die Hannelore, die ist nicht mehr so gut zu Fuß. Wissen Sie, ich fühle mich gar nicht so alt, wie ich eigentlich bin. Der Gedanke an einen seniorengerechten Umbau ist schon blöd. Aber er macht mir auch keine großen Probleme. Das beste Beispiel ist doch der Johannes Heesters. Der ist 104 und singt noch live.

Playboy: Also noch 34 Jahre Heino auf der Bühne?

Heino: Der liebe Gott wird’s schon richten!

Playboy: Wie riecht eigentlich Heino?

Heino: Wie kommen Sie darauf?

Playboy: Na, hier sind doch überall Aufsteller, die für das Heino-Parfüm werben . . .

Heino: Ach ja, das hat man mal für mich entworfen. Das riecht ganz gut.

Playboy: Nach Enzian?

Heino: Nein, nein.

Playboy: Nach Haselnuss?

Heino: Nein, auch nicht. Nach Sandelholz, wie diese Gerüche eben sind. Eine Firma aus Frankreich hat das gemacht, ich trage das auch selbst.

Playboy: Man kennt Sie nur mit schwarzer Sonnenbrille. Wie flirtet man mit einer Frau ohne Blickkontakt?

Heino: Ich flirte ja gar nicht. Geht nicht mit der Brille. Wenn, dann flirten die mit mir.

Playboy: Ist die Brille eine Barriere gegen die Welt da draußen?

Heino: Nein, das hat sich so ergeben. Die ersten fünf, sechs Jahre meiner Karriere trug ich gar keine Brille. Dann bekam ich ein Augenleiden, so dass der rechte Augapfel immer nach vorn trat. Damit das keiner sieht, trage ich seitdem eine dunkle Brille.

Playboy: Auch wenn Sie sie jetzt eigentlich gar nicht mehr bräuchten.

Heino: Stimmt, ich habe mich operieren lassen. Aber jetzt bin ich dran gewöhnt.

Playboy: Ihr Toupet ist auch so ein Markenzeichen. Was macht ein gutes Toupet aus?

Heino: Dass man nicht sieht, dass es ein Toupet ist. Aber ich mache da ja gar keinen Hehl draus. Dafür habe ich noch gesunde Zähne, gesunde Hüften, gesunde Knie.

Playboy: Nur nicht mehr so viele Haare . . .

Heino: Tja, wo der Geist hingeht, müssen die Haare weichen.

Playboy: Was war Ihre peinlichste Toupet-Situation?

Heino: Gab es keine. Mich hat auch noch nie jemand darauf angesprochen, weil immer für alle klar war, dass ich ein Haarteil trage. Ich kenne viele aus der Szene, auch international, die Haarteil tragen . . .

Playboy: Zum Beispiel?

Heino: Ich nenne keine Namen. Die schämen sich, dafür gibt’s die Sachen ja!

Playboy: Peter Maffay hat das Bundesverdienstkreuz bekommen, Udo Lindenberg, Sabine Christiansen. Warum nicht Heino?

Heino: Ach, sollen die sich doch freuen.

Playboy: Warum hat es bei Ihnen nie geklappt?

Heino: 1976 sollte ich es bekommen. Aber da hatte ich gerade alle drei Strophen der Nationalhymne aufgenommen – eine Auftragsproduktion für die Schulen in Baden-Württemberg. Das war das erste Mal, wo man gesagt hat: „Heino bekommt das Verdienstkreuz nicht.“ 1983 war ich dann . . .

Playboy: . . . in Südafrika auf Tournee.

Heino: Genau, wie James Last, Udo Jürgens und alle anderen auch. Warum sollte nicht Heino auch nach Afrika gehen, dachte ich da. Aber das war für die, die mir das Verdienstkreuz geben wollten, ein Problem.

Playboy: Die Apartheid war das Problem.

Heino: Ja. Es sind zwar alle rübergegangen. Nur: Wenn Heino was macht, ist das gleich etwas ganz anderes. Und dann haben viele Menschen vor zwei, drei Jahren an den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen ge-
schrieben, der ist heute Finanzminister . . .

Playboy: . . . Peer Steinbrück.

Heino: Wer auch immer, ich kenne ja die Leute, die in Düsseldorf im Landtag sitzen. Jedenfalls hatte der dann zurückgeschrieben: „Die sollen ihn nicht mehr belästigen, Heino wird das Verdienstkreuz nie kriegen.“ Dann kriege ich es halt nicht.

Playboy: Hätten Sie es gern?

Heino: Ich bin 70 Jahre alt geworden ohne Bundesverdienstkreuz. Aber ich würde mich sehr darüber freuen. Eine hohe Auszeichnung für einen, der das Volkslied gerettet hat, das wäre doch nicht schlecht! Herr Quinn hat ja auch das Bundesverdienstkreuz bekommen, da frage ich mich: wofür?

Interview: Tim Gutke / Christian Thiele]