Peter Sloterdijk, pardon: Prof. Dr. Peter Sloterdijk, ist der FC Bayern München unter Deutschlands Denkern: selten zu schlagen, nicht ganz frei von Selbstbewusstsein und wegen seiner Erfolge von Vielen beneidet. Wir sprachen mit ihm über die Unmännlichkeit des Herumstehens, über Muskelschwule – und darüber, wie es ist, wenn man in Sachen Sex ein Depp ist

Interview Alexander Runte, Christian Thiele // Fotos Urban Zintel
(Playboy, April 2010)

Das Restaurant, das sich Peter Sloterdijk ausgesucht hat, ist nicht wirklich eine Pommesbude: ein Stern, Küchengrüße noch und nöcher, für
die Weinkarte sollte man vorher besser den Kreditkartenrahmen erhöhen lassen. Sloterdijk hat einen anstrengenden Tag hinter sich: Derrida-Seminar und ein bisschen am neuen Buch geschrieben. Sloterdijk und sein Schnauzbart nehmen Platz unter einer abenteuerlichen Deckenbemalung, über beiden – ausgerechnet – die Darstellung eines Unzivilisierten, eines Indianers. Er hat gerade auf „heute“ gesehen, wie Bundeskanzlerin Merkel, der einzige echte Kerl in der Regierung, die parteiinternen Kritiker abwatscht. Was bietet sich zum Gesprächseinstieg an? Richtig, das Thema Männer.

Playboy: Herr Professor Sloterdijk, der deutsche Mann 2010 – wie geht es dem?
Sloterdijk: Das weiß ich nicht, ich kenne ihn ja nicht. Er ist ein statistisches Phantom, dem man im Leben nicht begegnet. Die Soziologen sagen, er leidet mehr als früher.
Playboy: Woran leidet er denn?
Sloterdijk: Unter Bedeutungsverlust. Wir Männer waren ja meistens bedeutungslos, haben aber nicht darunter gelitten. Jetzt wird die Zumutung, bedeutend zu sein, viel stärker an einen herangetragen. Folglich fällt es stärker auf, wenn man der Erwartung nicht genügt.
Playboy: Welche Aspekte sind es sonst, die heute an Männern neu zu Tage treten?
Sloterdijk: Männer werden seit den siebziger, achtziger Jahren als Kunden entdeckt, sie bilden neuerdings eine Klientel für luxuriöse Selbstsorge. Das ist ein riesenhafter Markt, es öffnet sich ein Fass ohne Boden, sobald die Kerle auf ihr Äußeres achten. Früher brauchte man höchstens einen Uniformschneider, das war es dann auch schon. Jetzt ist eine ganze Industrie aufgestellt, um die Nachfrage nach Männlichkeits-Accessoires zu befriedigen.
Playboy: Ein zivilisatorischer Fortschritt?
Sloterdijk: Wie man’s nimmt. Mein Großvater hätte es für Dekadenz gehalten, wenn Männer über den Gebrauch des Rasierwassers hinaus irgendetwas Parfümiertes an ihren gestählten Leib heranlassen. Er hätte Sodom und Gomorrha gerufen. Heute ist das ganz normal…

Im verfluchten Berg

Geschrieben von thiele am 16.06.2011

Hier hätte man die Hölle nicht vermutet – auf fast 5000 Metern über dem Meeresspiegel. Zugedröhnt mit Schnaps und Coca, malochen die Arbeiter im Cerro Rico in Bolivien. In der gefährlichsten Silbermine der Welt
(Playboy, 2/2008)

Möge ihn die Heilige Mutter Erde behüten. Dass ihm keine Dynamitstange in der Hand explodiert, kein Zentner Berg auf den Kopf fällt. Und möge ihm – das Allerwichtigste – der „Onkel“ seinen Schutz spenden.
Pedro Takuri hat kurz den Helm gelüftet, mit der Rechten drei Kreuze über die Brust gestrichen und hastig sein Gebet genuschelt. Ein letztes Blinzeln in die Sonne, ein paar Schritte, und schon hat ihn der Berg in seinen dunklen Schwitzkasten genommen, der reiche Berg, der verfluchte Berg.
Der Tag, der für Pedro gerade beginnt, wird für ihn am Ende nicht viel mehr übrig haben als ein Säckchen Silberstaub und einen ordentlichen Kombirausch aus Coca, Schnaps und Bier. Es ist für ihn ein ganz normaler Arbeitstag. Ein Tag, der – aus medizinischer Sicht – sein Leben um anderthalb Tage verkürzen wird.
Pedro ist 40 Jahre alt. Aber er könnte auch Mitte 50 sein, mit seinem matten, ausgelaugten Blick. Seine rechte Backe ist dick, wie aufgeblasen – von den Coca-Blättern, die den Hunger stillen und die Müdigkeit vertreiben sollen. Sie haben ihm da, wo normalerweise die Schneidezähne sind, ein schwarzes Loch in den Mund geätzt, wie bei so vielen „Mineros“ hier am Cerro Rico, dem „Reichen Berg“, in Potosí, Bolivien.
Pedro ist Vorarbeiter in der „Cooperativa 10 de Noviembre“. So steht es in roter Farbe über dem Eingang gesprüht, hier auf 4367 Metern über dem Meeresspiegel. Es ist die höchste, älteste – und wohl gefährlichste Silbermine der Welt.
In seinen Gummistiefeln tappt Pedro durch die Staubschwaden. Am Boden wirre Schienenstränge, von der Decke zischt ein Luftschlauch. Die Funzel auf seinem Helm leuchtet einen blassen Streifen in das Dunkel. Es gibt hier keine Wegweiser. Aber Pedro weiß: Nach der zweiten Schienenkreuzung geht es links, dann wieder nach der zweiten rechts. Mal aufrecht, mal gebeugt. Dann muss er durch ein Loch
kriechen, einen Hang hinaufrobben und sich auf einem windschiefen
Brett an einer Wand entlanghangeln.
In den Alpen wäre Pedros Arbeitsweg ein mittelschwerer Klettersteig.
Nur wäre er dort 2000 Meter niedriger gelegen und mit Drahtseilen gesichert. Nach einer halben Stunde ist Pedro da, wo er hinwill. Da, wo dem Berg mit Hammer und Meißel noch ein kleines bisschen Silber aus den Eingeweiden zu kratzen ist…

Die Clintons hoch zwei

Geschrieben von thiele am 16.06.2011

Das Politehepaar Kirchner ist Argentiniens Macht-AG. Es teilt alles, auch das Präsidentenamt. Cristina, die Senatorin, soll Néstor im März an der Staatsspitze ablösen.
(Die Zeit, 25.10.2007)

Buenos Aires
Sie wollte eigentlich für eine Jura-Prüfung lernen. Er aber suchte Unterhaltung, denn sein WG-Partner war ausgeflogen. Also kam Néstor bei seiner Studienfreundin Cristina vorbei. Schon ein bisschen angetrunken, aber das machte offensichtlich nichts. An jenem Frühlingssamstag im September 1974 wurden die beiden ein Paar. Sie, die aparte Brünette mit den braunen Kulleraugen. Und er, der Schlacks aus dem patagonischen Süden, der statt »s« stets »sch« sagte. Das ist das große Eröffnungskapitel im gemeinsamen Leben von Néstor Kirchner und Cristina Fernández.

Am 25. Mai 2003, dem argentinischen Nationalfeiertag, schreibt das Paar sein zweites wichtiges Lebenskapitel: Auf dem Balkon des schweinchenrosa Präsidentenpalastes an der Plaza de Mayo, da, wo Buenos Aires gegründet worden ist, steht sie, die Senatorin, weinend vor Glück. Daneben ihr Mann Néstor, der neue Staatschef, über der Brust die blau-weiße Amtsschärpe, in der rechten Hand den silbernen Knauf des Präsidentenstabes. Jetzt beginnt das neue Kapitel der Kirchners. Manche behaupten, sie wüssten schon, was drinsteht. Das Kapitel, heißt es, werde ein Knaller und schon im März der Öffentlichkeit vorgestellt. Es geht so: Néstor Kirchner, dann 57, gibt die Macht ab. Nicht er wird kommenden Oktober zur Präsidentschaftswahl antreten, sondern Cristina Fernández de Kirchner (54). Seine Frau, die wichtigste Senatorin im Land und die bekannteste Politikerin, wird dann die erste gewählte Präsidentin Argentiniens.

Als Liebende haben sie eine Familie gegründet; als Geschäftspartner sind sie gemeinsam reich geworden; und als Polittandem bestimmen sie die Geschicke des Landes: Die Kirchners sind ein Powerpaar, wie es selten eines gibt: Kann man sie mit dem argentinischen Politpaar Evita und Juan Perón vergleichen? Irgendwie gar nicht. Und irgendwie doch.

Der Landnehmer

Geschrieben von thiele am 16.06.2011

Was bewegt eigentlich… Douglas Tompkins
(Die Zeit, 14.6.2007)

Selbst die Begrüßung ist ein Sparmodell. » Hi, ich bin Doug«, sagt der schmale Herr mit dem matten Händedruck. Er wirkt, als käme er direkt aus der Kleiderkammer der Heilsarmee: ausgelatschte Bootsschuhe, ein altes Baseballkäppi, ein verwaschen-braunes Hemd mit abgestoßenem Kragen. Diesem weißbärtigen Alm-Öhi, der da gerade aus dem Flugzeug gestiegen ist, möchte man am liebsten ein paar Pesos in die Hand drücken, damit er sich was Anständiges zum Anziehen kauft. Aber erstens sind die Shoppingmöglichkeiten hier im chilenischen Patagonien recht begrenzt. Zweitens weiß er mit Sicherheit, wie man sich richtig kleidet, und besitzt auch das nötige Geld dafür. Und drittens gehört ihm, Douglas Tompkins, das Land hier. Da kann er schließlich herumlaufen, wie er will.

Es ist früh am Morgen im Valle Chacabuco in Südchile. Die matte Sonne des südlichen Herbstes zeichnet lange Schatten an die Holzhütten. Wie zur Begrüßung wiehern ein paar Guanacos von den Hängen sie hören sich an wie kaputte Mofa-Anlasser. Die Autos wurden noch schnell vom Rasen weggeparkt, die Köchin hat ein paar Hühnern mehr den Hals umgedreht, Gemüse für das Mittagessen geschnippelt: Schließlich ist gerade der Chef gekommen.

Tompkins gehörte einst zu den größten Textilzaren der Welt. Er war Herr über Tausende von Filialen und Hunderttausende von Mitarbeitern.

Das war, als er noch Outdoorartikel für die von ihm gegründete Firma The North Face produzierte. Sowie Herren-, Damen- und Kindermode für die ebenfalls von ihm gegründete Modemarke Esprit.

Seine Firmenanteile hat er versilbert, oder besser: vergrünt. In den Kauf von Land gesteckt. Steppen und Regenwälder, Fünftausender-Gipfel und pazifische Fjorde, Flüsse und Sümpfe alles seins, Tiere inklusive. Mehr als 800000 Hektar hat Tompkins in Chile und Argentinien gekauft, eine Fläche etwas größer als Kreta. Der US-Amerikaner, 64 Jahre alt, ist einer der größten privaten Landeigner der Welt…

Das Gaucho-Gen

Geschrieben von thiele am 16.06.2011

Mit biotechnisch verändertem Soja machen argentinische Bauern ein Vermögen – und schaden der Umwelt.
(Die Zeit, 24.4.2007)

So muss ein fröhlicher Landmann aussehen: Eduardo L’Episcopo zieht sich seinen Strohhut in die Stirn, verschränkt die Arme vor dem Bauch und schaut zufrieden auf sein Feld. Die orangefarbene Sämaschine röhrt vorbei über den stoppeligen Acker, von rechts nach links und von links nach rechts. Alle 52 Zentimeter stopft sie mit einem kurzen »Pffft« Sojabohnen in die Erde, in Zwölferreihen. »Das wird eine sehr gute Ernte«, sagt L’Episcopo, »das weiß ich schon jetzt. Nicht zu trocken, nicht zu feucht – perfekt!«

Es ist Dienstagnachmittag, die Sonne macht schon lange Schatten. Dienstags schaut der 54jährige Agraringenieur immer hier vorbei, auf den Sojafeldern von Santa Teresa, 60 Kilometer südlich der zentralargentinischen Stadt Rosario. Hier, im Herzen der Pampa, ist das Land so flach wie platt gewalzt. Ein Paradies für Rinderzüchter, mehr als ein Jahrhundert lang. Aber jetzt sieht man kaum noch Kühe hier. »Das Land gehört der Soja. Ist einfach profitabler«, sagt L’Episcopo und stopft sein grünes Poloshirt in die Jeans. Rund 500 USDollar verdient man hier pro Hektar Soja im Jahr, doppelt so viel wie mit der Viehzucht. Und mehr als wahrscheinlich irgendwo anders auf dem Planeten Erde.

Spätestens im April sind aus den Bohnen hüfthohe Pflanze gesprossen, dann wird geerntet. Und dann werden L’Episcopo und seine Kompagnons wahrscheinlich wieder mal Rekorderträge einfahren. 30 bis 35 Doppelzentner pro Hektar – ein Spitzenwert. Soja boomt in Argentinien. Das Wachstum in China, die Rindermägen in Europa, die Ölmühlen in Japan, all das hat die Produktion der Bohne in den letzten Jahren angetrieben. Auf rund 16 Millionen Hektar – das entspricht etwa der Hälfte der Fläche Deutschlands – pflanzt Argentinien heute Soja an. Seit 2000 hat das Land seine Ausbeute mehr als verdoppelt, auf rund 42 Millionen Tonnen. Fast alles stammt aus genmanipuliertem Saatgut – gemeinsam mit den USA und Brasilien gehört Argentinien damit zu den drei größten der Welt…

Design oder nicht sein

Geschrieben von thiele am 16.06.2011

Die neue Hauptstadt des Designs heißt Buenos Aires. Dort werden aus Müll schöne Dinge geschaffen. Und damit neuer Wohlstand
(BrandEins, 01/2007)